1. Mai 2019

Film des Monats MAI: «Ray & Liz» von Richard Billingham

Fotografengedächtnis gegen Sozialromantik

Ray schenkt sich sein Glas immer voll, bis knapp unter den Rand. Auch mit zitternden Händen, auch wenn er dreimal ansetzen muss, um die Plastikflasche mit dem billigen Heimgebräu leer zu kriegen. Früher hat er auch die Teetasse für seine Frau Liz genau so knapp unter den Rand gefüllt. Ihre zwei Süsswürfel hatten allerdings doch noch Platz.

Regisseur Richard Billingham ist als Fotograf berühmt geworden, mit Bildern von seinen Eltern. Nun filmt er mit der gleichen Präzision, dem gleichen messerscharfen, ungefärbten Blick, wie es war in Birmingham, in einer verwahrlosten Sozialwohnung, mit verwahrlosten, überforderten Eltern, einem Bruder und einer ebenso «dysfunktionalen» Verwandtschaft.

Der «Kitchen Sink Realism» ist eine urbritische Erfindung. Ken Loach hat ihn mit seinem Drehbuchautor Paul Laverty zur sozialromantischen Kampfkunst weiterentwickelt; Filme wie «Trainspotting», oder selbst die frühen Gangster-Geschichten von Guy Ritchie, haben ihn zu eigenständigen, karikierend hyperrealistischen Grotesken verfremdet.

Dass nun ausgerechnet ein Fotograf dem Genre zurück auf die Füsse hilft, hat wohl schon seine Richtigkeit.

Bilingham hat keine politische Agenda wie Loach. Er macht sich weder zum Anwalt der kleinen Leute, noch zum Komplizen. Und schon gar nicht macht er sich über sie lustig. Sein tätowierter Fleischberg von einer Mutter, sein duckmäuserischer Alkoholikervater, die verschreckten Hunde in der Wohnung mit den Schnecken, den Fliegen, den Kaninchen, dem Aquarium, den scheusslichen Kitschbildern und dem ganzen Dreck – das alles rekonstruiert Billingham aus der Erinnerung.

Dabei sind es die präzisen Details, welche den Realismus schärfen. Jene Kleinigkeiten, die einem in einer Fotografie erst mit der Zeit auffallen und dann um so stärker hervorstechen. Die halb heruntergerissenen Tapeten, der verdreckte Herd, das alles ist Ausstattung. Aber die Gesten der Figuren, ihre Blicke, ihre Ticks und ihre heimliche Verzweiflung, die machen diesen Film nicht nur realistisch, sondern auch staunenswert unangenehm.

Drei Episoden und eine Art Rahmenhandlung genügen Billingham, um die Geschichte seiner Herkunft und Prägung in 108 Minuten auszubreiten.

Zu Beginn treffen wir auf Ray in seinem völlig heruntergekommenen, verdreckten Schafzimmer. Ray geht nicht mehr aus dem Haus, er geht allenfalls noch zur Toilette. Die übrige Zeit schläft er und trinkt in regelmässigen Abständen die Plastikflaschen mit Alkohol leer, die ihm der erwachsene Sohn vorbeibringt. Einmal im Monat kommt Liz vorbei, für sie hat er den Rest seines Sozialgeldes bereit, für ihre kurzen Auftritte scheint er am Leben zu bleiben.

In drei Rückblenden erzählt Billingham zunächst eine besonders grausame Episode voller zerstörerischer Bösartigkeit, welche Liz unter den Tisch wischt und die Ray nie ganz begreift, auch wenn sie vor allem auf Kosten seines geistig behinderten Bruders geht.

Schliesslich bleibt der etwas älter gewordene kleine Jason eine Nacht lang draussen, erfriert fast und löst damit die Sozialmaschinerie aus. Er wird fremdplatziert. Und die erschütterndste, beiläufigste Szene des ganzen Films hängt an dieser Episode: Der halbwüchsige Richard fragt den hinausgehenden Sozialarbeiter, ob er nicht auch zu Pflegeeltern könne. Worauf der abwinkt und sagt: «Du bist bald erwachsen. Halte durch und hilf dir selber.»

Billingham schildert mit vordergründig völlig neutraler Präzision ein Sozialsystem, das Familien wie der seinen keine Hilfe bringt, aber knapp ihr Überleben sichert. Ray und Liz sind überfordert, verloren. Ihre Söhne richten sich ein, schlagen sich durch. Aber anders als bei Ken Loach zeigt der Film keine weiteren Mechanismen, keine Profiteure, bloss Symptome in einer zerfallenden Welt, die stets den Hauch eines Anscheins aufrecht erhält, aber fault und vegetiert.

Für Ray ist Liz der einzige Brennpunkt. Auch als sie schon lange nicht mehr bei ihm ist. Für Liz ist schon lange alles zu viel. Und wer es nicht rechtzeitig raus schafft, der muss sich damit abfinden. Oder in den Flur pissen, wie der Hund, um den sich niemand kümmert.

Nein, das ist kein angenehmer Film. Aber ein präziser, klarsichtiger. Und in seiner Verdichtung ist er dokumentarischer und effizienter, als es ein Dokumentarfilm je sein könnte.

 

Von Michael Sennhauser

Trailer

Der Text ist am 5. August 2018 anlässlich der Uraufführung des Films im Wettbewerb des Locarno Film Festivals 2018 auf sennhausersfilmblog.ch erschienen. https://sennhausersfilmblog.ch/2018/08/05/locarno-18-ray-and-liz-von-richard-billingham-wettbewerb/

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Weitere Beiträge zu «Ray & Liz»:

Interview und Besprechung von Filmexplorer

Armut wird im Film oft verharmlosend dargestellt. Nicht in «Ray & Liz» (NZZ am Sonntag)

1. Mai 2019

Neu: SVFJ - «Film des Monats»

Ab Mai 2019 wählt eine Auswahlgruppe bestehend aus Mitgliedern unseres Verbands jeden Monat einen «Film des Monats».

In die Ränge kommen Filme, die aktuell in der Schweiz im Kino laufen. Der auserkorene Film wird zu Beginn des entsprechenden Monats via Email und auf unseren Social-Media-Kanälen (Facebook, Twitter, Instagram) kommuniziert und mindestens eine Rezension dazu auf dieser Seite veröffentlicht.

Die Kritiken sind von Mitgliedern der Auswahlgruppe verfasst worden. Manche Texte sind bereits anderswo erschienen und werden hier mit Einwilligung der jeweiligen Redaktion und unter Angabe des Erscheinungsdatums im Originalmedium nochmals veröffentlicht.

Die Idee dahinter: Unser «Film des Monats» ist eine minimale Massnahme gegen die immer spärlicher werdende Filmberichterstattung. Er soll die Diskussion über die Kino- und Medienkultur in der Schweiz anregen.